WM 2022 ohne Fans

AUFRUF

Der folgende Aufruf ist vorläufiger Natur. Er wurde formuliert von Bernd Beyer und Dietrich Schulze-Marmeling. Er kann sich aufgrund von Diskussionen und Anregungen noch verändern.

Das WM-Turnier 2022 in Katar ist ein dem Fußball unwürdiges Vorhaben. Es werden so viele Gebote der sportlichen und politischen Fairness verletzt, dass es uns unverantwortlich erscheint, an diesem Ereignis teilzuhaben, ob als aktiver Sportler, Funktionär oder nur als TV-Zuschauer*in. 

Fehlende Menschenrechte

Die FIFA nimmt für sich in Anspruch, Menschenrechte ernst zu nehmen. In einem Beschluss vom Mai 2017 erklärt sie: „Die FIFA ist bestrebt, innerhalb der Organisation und bei all ihren Tätigkeiten ein diskriminierungsfreies Umfeld zu schaffen.“ Nach Artikel vier der FIFA-Statuten zählt dazu die Ablehnung jeglicher Diskriminierung u.a. aufgrund von Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Im Katar ist Homosexualität gesetzlich verboten, werden Frauen durch gesetzliche Regelungen stark benachteiligt und wird die individuelle Lossagung vom Islam als Kapitalverbrechen verfolgt. Die Entscheidung pro Katar ist daher mit dem Anspruch eines „diskriminierungsfreien Umfelds“ auf keinen Fall zu vereinbaren.
 

Auch den Besucherinnen und Besuchern des WM-Turniers drohen Sanktionen, sofern sie sich als homosexuell bzw. „queer“ outen oder „unangemessene Kleidung“ tragen, beispielsweise kniefreie Hosen oder schulterfreie Oberteile.

Unwürdige Arbeitsbedingungen

Die Bedingungen, unter denen ausländische Gastarbeiter in Katar auf den WM-Baustellen schuften müssen, sind unmenschlich. Sie leben in schlimmsten Wohnverhältnissen, werden teilweise um ihren Lohn betrogen und arbeiten unter gefährlichen Umständen. Sie haben kein Recht auf Kündigung, teilweise nicht einmal auf Heimreise. Nach verschiedenen Berichten sind bisher mehrere hundert Arbeiter auf den Stadionbauten ums Leben gekommen. 

Offiziell hat die FIFA eine Verbesserung dieser Situation angemahnt. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty international haben jedoch festgestellt, dass dies nicht zu einer echten Verbesserung geführt hat.

Keine Fußballkultur

In Katar existiert keine historisch gewachsene Fußballkultur mit Traditionsvereinen und einer nennenswerten Fanbasis. Fußball in Katar ist im Wesentlichen ein mit viel Geld gezüchtetes Retortenprodukt, und die Stadien gleichen potemkinschen Dörfern. Die meisten von ihnen werden nach der WM zurück- oder ganz abgebaut, weil sie für den eigenen Spielbetrieb nicht benötigt werden. Das WM-Stadion in Al-Shamal beispielsweise fasst über 45.000 Zuschauer, während die Stadt nur 11.000 Einwohner hat.

Kommerz statt Fußball

Die Entscheidung, Katar als Austragungsland zu wählen, folgt nicht sportlichen, sondern allein kommerziellen Erwägungen. Katar sieht in dem WM-Turnier die Krönung seiner bisherigen Investitionen, mit deren Hilfe sich das Land im Sport-Business ein zukunftsträchtiges Geschäftsfeld eröffnen will. Die FIFA erhofft sich durch das Turnier neue Perspektiven auf den Märkten der islamischen Regionen.


Außerdem findet die FIFA in dem Emirat einen Partner, der ihre sponsorenfreundlichen Auflagen willfährig erfüllen und autokratisch durchsetzen wird. Damit setzt sich auch 2022 eine Tendenz fort, die populärsten sportlichen Großereignisse – Fußball-WM und Olympische Spiele – an autoritär oder diktatorisch geführte Staaten zu vergeben, weil die überzogenen Ansprüche von FIFA/IOC in demokratischen Gesellschaften immer weniger Akzeptanz finden.

Verdacht auf Korruption

Die Vergabe des WM-Turniers an Katar ist von Korruptionsgerüchten begleitet. Nach verschiedenen seriösen Presseberichten wurden im Vorfeld der FIFA-Entscheidung mehrere Millionen Euro Bestechungsgelder gezahlt. Es ist möglich, dass diese Verdächtigungen zu einem Zeitpunkt bewiesen werden, an dem es dann nicht mehr möglich ist, Katar die Austragung zu entziehen. Somit würde mit dem Turnier ein Regime aufgewertet, das sich die Austragung definitiv durch Korruption ergaunert hat.

Unsere Forderungen

Wir Fußballfans sind keine Träumer. Wir wissen, dass der Fußball seit seinen Pioniertagen kommerziellen Tendenzen und Manipulationen unterliegt. In gewisser Weise muss der Fußball und müssen wir damit leben. Aber es gibt Situationen, in denen eine kritische Kommentierung nicht reicht, sondern ein praktisches Zeichen gesetzt werden muss. Die WM in Katar ist solch ein Fall, in dem zu viele Grenzen überschritten werden. Noch haben die FIFA und ihre Mitgliedsverbände die Möglichkeit, ihre Entscheidung pro Katar zurückzuziehen und ein anderes Land mit der Turnieraustragung 2022 zu beauftragen. Leider ist es sehr unwahrscheinlich, dass es dazu kommt.

Daher wäre es Sache des DFB, klare Signale zu senden. Ein Verzicht auf die WM-Teilnahme, wie vom ehemaligen DFB-Präsidenten Grindel erwogen, wäre die klarste Möglichkeit. Falls sich der DFB dazu nicht entschließt, fordern wir eine ausführliche Erklärung dieser Entscheidung. Dabei sollte der DFB zur Menschenrechtslage in Katar eindeutig Position beziehen. Ebenso sollte er die Arbeit von Menschenrechtsgruppen und Fanorganisationen, die sich kritisch mit Katar auseinandersetzen, finanziell fördern.

Auch Nationalspieler und Trainer, die aus sportlichen Gründen gerne am WM-Turnier teilnehmen wollen, können Erklärungen zur politischen Situation in Katar unterstützen und sich an entsprechenden Kampagnen beteiligen.

TV-Sender und andere Medien, die aus Katar berichten, sollten ihre sportliche Berichterstattung ausführlich flankieren durch Reportagen über die politischen Probleme des Landes.

Firmen in Deutschland sollten keine Vermarktungsaktionen im Kontext mit der WM durchführen, einschlägig lizenzierte Produkte nicht verkaufen und während WM-Übertragungen im Fernsehen keine Werbezeiten schalten.

Widerstand demonstrieren!

Als Fußballfans wollen wir unseren Widerstand gegen ein WM-Turnier in Katar auch selbst demonstrieren. In Diskussionen und Stellungnahmen werden wir auf die unwürdigen Verhältnisse in dem Land und die Fehlentwicklungen bei der FIFA hinweisen. Darüber hinaus erklären wir:

- dass wir die FIFA massenhaft mit Mails und Briefen eindecken, in denen wir unseren Protest ausdrücken,

- dass wir keine Produkte mit WM-Logo kaufen,

- dass wir keine Produkte von Firmen kaufen, die im Rahmen der WM aktiv werben und damit das Turnier sponsern,

- dass wir nicht nach Katar reisen und zu Hause nicht an Public Viewings o.ä. teilnehmen. Die Devise zum Turniertermin vor Weihnachten 2022 heißt: Nikolaus statt adidas, Pfefferkuchen statt FIFA.

Unser Ziel ist es, das lukrative Zusammenspiel zwischen FIFA, Sponsoren und autokratischen Regimen zu stören. Es darf für sie nicht mehr attraktiv sein, die WM auf diese pervertierte Art zu präsentieren und den Fußball weiter zu ruinieren.


For the good of the game: Boycott Qatar!