Dokumentation

KSV HESSEN KASSEL BOYKOTTIERT DIE FUSSBALL-WM DER MÄNNER 2022 IN KATAR

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Der Regionalliga-Verein KSV Hessen Kassel hat im Mai 2022 einen Beschluss gefasst, der Vorbildfunktion für andere Vereine haben sollte:


Der KSV Hessen Kassel lehnt die Austragung der FIFA-Fußballweltmeisterschaft der Männer 2022 in Katar ab. Er wird im Rahmen seiner öffentlichen Aktivitäten die unhaltbaren Zustände auf den Baustellen der WM sowie die allgemeine Menschenrechtssituation in Katar kritisieren und darauf hinweisen, dass die FIFA und alle anderen Beteiligten mit der Durchführung der WM in diesem Land die Werte des Sports und des Fußballs mit Füßen tritt. Der KSV Hessen Kassel erklärt, dass er aus seinen Reihen keine Spieler für die Nationalmannschaften abstellen wird – weder für die deutsche Nationalmannschaft noch für ein anderes Land. Der KSV Hessen Kassel wird sich nicht an „Public Viewings“ beteiligen und ruft seine Mitglieder- und Anhängerschaft auf, den Boykott zu unterstützen. Wer den KSV Hessen liebt, liebt den Fußball. Und wer den Fußball liebt, muss Katar 2022 boykottieren!

Was zuviel ist, ist zuviel: Seit vielen Jahren kritisieren viele Fanszenen sowie kritische Journalist*innen das Verhalten von Funktionär*innen von FIFA, UEFA und DFB. Es geht meist um die Kommerzialisierung des Fußballs, die Aufgabe von sportlichen Werten und die damit einhergehende Entfremdung des Fußballs von den Fans. Mit dem Vorhaben der FIFA, ihre Fußballweltmeisterschaft der Männer 2022 in Katar auszutragen, erreicht der Verrat von sportlichen und politischen Werten des Fußballs aber eine neue Qualität, die für uns nicht hinnehmbar ist. Es ist an der Zeit, sich zu positionieren und ein Zeichen zu setzen.

Bereits seit einigen Jahren sind die unhaltbaren Zustände auf den Baustellen der WM in Katar bekannt. Im Zuge der Austragung der FIFA-Klub-WM im Februar 2021, an dem der FC Bayern München den europäischen Fußballverband als Champions-League-Sieger vertrat, stieg die Aufmerksamkeit auf die Situation im Land: Mindestens 6.500 Arbeitsmigrant*innen aus Indien, Nepal, Bangladesch, Sri Lanka und Pakistan sind beim Bau der Stadien und der Infrastruktur ums Leben gekommen. Wer überlebt, geht durch die Hölle: Den Arbeiter*innen werden die Löhne vorenthalten, die Pässe abgenommen, ihnen wird die Ausreise verwehrt. Sie sind Sklaven eines autoritären Regimes, dass sich nicht um Menschenrechte schert: Homosexualität wird mit Gefängnis bestraft, Jüdinnen und Juden wird die Einreise verwehrt, Gewerkschaften sind verboten, Frauenrechte ein Fremdwort, Terrorgruppen werden offen unterstützt und finanziert. 

Aus Sicht nationaler wie internationaler Fußballfunktionär*innen ist die Austragung der Weltmeisterschaft in diesem Unrechtsstaat kein Problem. Korruption, Unterdrückung, Folter, Intoleranz, Sklaverei, Ausbeutung, Antisemitismus und vieles mehr – FIFA und DFB nahmen und nehmen alles unwidersprochen hin. Andere Länder, andere Sitten? Die Kampagnen der Fußballverbände für Respekt und Toleranz, gegen Rassismus und Ausgrenzung wirken vor dem Hintergrund der Zustände im Gastgeberland wie ein Hohn und entbehren jedweder Glaubwürdigkeit. 

Es ist an der Zeit, dass sich alle, die den Fußball lieben, positionieren und Haltung zeigen. Jede und jeder hat es bei dieser WM selbst in der Hand zu entscheiden, was er/sie von der kriminellen Kollaboration des Emirats mit dem internationalen Fußball hält. Kann man unbeschwert sein Fähnchen schwenken und sich zum „Public Viewing“ treffen, wenn man weiß, dass in den errichteten Stadien Tausende von Menschen ihr Leben gelassen haben? Wir sagen: Nein! Unsere Antwort lautet: Boykott – und zwar auf allen Ebenen!

Daher macht der KSV Hessen Kassel den Auswahlmannschaften der nationalen Fußballverbände klar, dass er für dieses unwürdige Schauspiel keine Spieler abstellen wird. Unsere Jungs bleiben zuhause! Stattdessen treten der KSV Hessen, seine Spieler*innen und Mitgliedern in einen öffentlichen Dialog und werben für ihre Vorstellung von Fußball: regional, respektvoll, ehrlich, weltoffen und bodenständig. Der KSV wird sich an regionalen Aktivitäten und Bündnissen mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren beteiligen, die sich kritisch mit der Austragung der WM auseinandersetzen. Er unterstützt Veranstaltungen und Aktionen und initiiert gegebenenfalls selbst eigene Formate. Er wirkt daran mit, dass dem Turnier das größtmögliche Desinteresse entgegengebracht wird. Und er wirbt bei anderen Amateur- und Profivereinen um Unterstützung. Dieser Beschluss der Gremien des KSV Hessen Kassel erfolgte auf Vorschlag der Fangruppe „Blog36“ und des Fanprojekts „Fullestadt“ Kassel, dem der KSV gerne gefolgt ist.

Katar: Männliche Vormundschaft schränkt Frauenrechte stark ein

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Diskriminierende Regeln für Frauen beim Heiraten, Studieren, Arbeiten und Reisen

Bericht von Human Rights Watch, 29.3.2021

 

Das diskriminierende System der männlichen Vormundschaft in Katar verwehrt Frauen das Recht, zahlreiche wichtige Entscheidungen über ihr Leben zu treffen, so Human Rights Watch in einem kürzlich veröffentlichten Bericht.

Der 94-seitige Bericht, „Everything I Have to Do is Tied to a Man: Women and Qatar’s Male Guardianship Rules“ analysiert die offiziellen Regeln zur männlichen Vormundschaft und wie diese in der Praxis umgesetzt werden. Human Rights Watch fand heraus, dass Frauen in Katar die Erlaubnis ihres männlichen Vormunds einholen müssen, um zu heiraten, mit staatlichen Stipendien im Ausland zu studieren, in vielen öffentlichen Jobs zu arbeiten, bis zu einem bestimmten Alter ins Ausland zu reisen und einige Formen der reproduktiven Gesundheitsversorgung zu erhalten. Das diskriminierende System verweigert Frauen auch das Recht, als primärer Vormund ihrer Kinder zu handeln, selbst wenn sie geschieden sind und das Sorgerecht für die Kinder haben. Diese Einschränkungen verstoßen gegen die Verfassung Katars und gegen internationales Recht.

„Frauen in Katar haben schon einige Hürden überwunden und bedeutende Fortschritte in Bereichen wie Bildung erzielt, aber sie müssen sich noch immer mit staatlichen Regeln zur männlichen Vormundschaft  herumschlagen, die sie darin einschränken, ein erfülltes, produktives und unabhängiges Leben zu führen“, sagte Rothna Begum, leitende Frauenrechtsforscherin bei Human Rights Watch. „Die männliche Vormundschaft stärkt die Macht und Kontrolle, die Männer über das Leben und die Entscheidungen von Frauen haben. Sie kann Gewalt fördern oder schüren und lässt Frauen nur wenige Möglichkeiten, dem Missbrauch durch ihre eigenen Familien und Ehemänner zu entkommen.“

Die Ergebnisse von Human Rights Watch basieren auf einer Prüfung von 27 Gesetzen sowie von diversen Verordnungen, Richtlinien, Formularen, schriftlicher Kommunikation mit der Regierung und 73 Interviews, darunter 50 ausführliche Gespräche mit vom Vormundschaftssystem betroffenen Frauen. In schriftlichen Mitteilungen, die im Februar und März 2021 verschickt wurden, bestätigten Regierungsvertreter zahlreiche der Feststellungen. Andere wurden von der Regierung bestritten, obwohl sie von Human Rights Watch eindeutig belegt wurden.

Katars Gesetze verlangen, dass Frauen die Erlaubnis eines männlichen Vormunds einholen müssen, um zu heiraten, und zwar unabhängig von ihrem Alter oder ihrem früheren Familienstand. Sobald eine Frau verheiratet ist, kann sie als „ungehorsam“ betrachtet werden, wenn sie nicht die Erlaubnis ihres Mannes einholt, bevor sie eine Arbeit aufnimmt, verreist oder das Haus verlässt, oder wenn sie sich weigert, mit ihm Sex zu haben, ohne hierfür einen „legitimen“ Grund zu nennen. Männer können mit bis zu vier Frauen gleichzeitig verheiratet sein, ohne dass sie hierfür die Erlaubnis eines Vormunds oder ihrer aktuellen Ehefrauen benötigen.

Frauen können zu keiner Zeit als primärer Vormund ihrer eigenen Kinder auftreten. Sie haben keine Befugnis, unabhängige Entscheidungen in Bezug auf die Dokumente, Finanzen, Reisen und bisweilen auch die Schulbildung und medizinische Versorgung ihrer Kinder zu treffen. Dies gilt auch, wenn die betroffene Frau geschieden ist und ein Gericht ihr das Sorgerecht für die Kinder zugesprochen hat, oder wenn der leibliche Vater verstorben ist. Hat das Kind keinen männlichen Verwandten, der als Vormund fungiert, so übernimmt der Staat diese Rolle.

Die gesetzliche Diskriminierung in Bezug auf Ehescheidungen und Entscheidungen bezüglich der Kinder führt dazu, dass viele Frauen in Beziehungen mit gewalttätigen Partnern gefangen sind und oft jahrelang auf eine Scheidung warten. Lässt eine Frau sich scheiden, kann sie eventuell nicht wieder heiraten, aus Angst, das Sorgerecht für ihre Kinder zu verlieren. So ist sie weiterhin von ihrem ehemaligen Ehemann abhängig, welcher der gesetzliche Vormund der Kinder bleibt.

Die befragten Frauen gaben an, dass ihre männlichen Vormunde ihnen verboten haben, im Ausland zu studieren oder gemischtgeschlechtliche Universitäten in Katar zu besuchen, was ihre Studienmöglichkeiten und ihre berufliche Zukunft einschränkt. Frauen benötigen indirekt die Erlaubnis des männlichen Vormunds, um staatliche Stipendien für eine höhere Ausbildung zu erhalten. Frauen berichteten, dass sie an der staatlichen, nach Geschlechtern getrennten Universität von Katar mit Einschränkungen konfrontiert waren. Sie brauchten unter anderem die Erlaubnis ihres Vormunds, um mit einem Taxi auf den Campus zu kommen oder ihn zu verlassen, um im Studentenwohnheim zu leben und um an Exkursionen im Rahmen ihres Studiums teilzunehmen.

Die Regierung erklärte in ihrer schriftlichen Antwort an Human Rights Watch, dass Frauen als Erziehungsberechtigte auftreten können, um Pässe oder Personalausweise für ihre Kinder zu erhalten und dass Frauen keine Erlaubnis ihres Vormunds benötigen, um ein Stipendium anzunehmen oder in Ministerien, Regierungsinstitutionen oder Schulen zu arbeiten. Auch sei keine Erlaubnis des Vormunds nötig, um an Exkursionen der Universität von Katar teilzunehmen, die Teil des akademischen Programms sind. Die Recherchen von Human Rights Watch, darunter Interviews und die Sichtung von Dokumenten, wie etwa Anträge von Schulen und Arbeitgebern auf eine entsprechende Erlaubnis des Vormunds, widersprechen jedoch diesen Behauptungen der Regierung.

Frauen in Katar berichteten Human Rights Watch, dass sie die Erlaubnis eines männlichen Vormunds benötigen, um in vielen staatlichen Stellen, einschließlich Ministerien und staatlichen Schulen, arbeiten zu können. Zwar schreibt kein Gesetz vor, dass Frauen eine Erlaubnis ihres Vormunds benötigen, um zu arbeiten, es gibt allerdings auch kein Gesetz, das die Diskriminierung von Frauen im Rahmen einer Einstellung verbietet.

Human Rights Watch fand heraus, dass unverheiratete katarische Frauen unter 25 Jahren eine Erlaubnis ihres Vormunds benötigen, um ins Ausland zu reisen, und dass Frauen jeden Alters von ihren Ehemännern oder Vätern ein Reiseverbot auferlegt bekommen können. Ein Mangel an Transparenz über die Regeln und mögliche Änderungen für Frauen in Bezug auf Reisen und andere Themen macht es schwierig, diese anzufechten. Im Jahr 2020 hielten Flughafenbeamte mehrere Frauen auf, die ohne einen männlichen Angehörigen reisten, und bestanden darauf, den jeweiligen männlichen Vormund anzurufen. Die Frauen sollten so beweisen, dass sie nicht „auf der Flucht“ waren. Die Behörden hielten sowohl unverheiratete Katarerinnen unter 25 Jahren mit gültigen Ausreisegenehmigungen als auch Frauen über 25 Jahren auf, für die offiziell keine solchen Genehmigungen vorgesehen sind.

Die Frauen sagten zudem, dass sie einen Heiratsnachweis vorlegen mussten, um Zugang zu diversen sexuellen und reproduktiven Gesundheitsleistungen zu erhalten, z. B. Schwangerschaftsvorsorge, vaginale Ultraschalluntersuchungen, Pap-Test und andere gynäkologische Vorsorgeuntersuchungen. Sie brauchten zudem die Zustimmung ihres Ehemannes für einige Formen der reproduktiven Gesundheitsfürsorge z.B. eine Sterilisation oder eine Abtreibung.

Einige Hotels lassen keine unverheirateten katarischen Frauen unter 30 Jahren in ihren Zimmern übernachten, wenn sie nicht in Begleitung eines männlichen Angehörigen reisen. Zudem ist katarischen Frauen die Teilnahme an verschiedenen Veranstaltungen sowie das Betreten von Orten, an denen Alkohol ausgeschenkt wird, untersagt.

Ausländische Frauen in Katar, deren Visum von ihrem Ehemann oder Vater abhängt, unterliegen ebenfalls Kontrollen, die mit der männlichen Vormundschaft vergleichbar sind. Frauen brauchen die Erlaubnis des jeweiligen Mannes, um ihren Führerschein zu machen, zu arbeiten oder ein Regierungsstipendium für ein Studium in Katar zu erhalten.

Die meisten der befragten Frauen sagten, dass die Regeln sie stark dabei einschränken, ein unabhängiges Leben zu führen. Einige sagten, das System schade ihrer psychischen Gesundheit und führe u.a. zu Selbstverletzungen, Depressionen, Stress und Suizidgedanken.

Frauen in Katar setzen sich immer stärker für ihre Rechte ein, vor allem im Internet. Aber Gesetze, die die Meinungs- und Versammlungsfreiheit einschränken, Einschüchterungen durch die Regierung und Belästigungen im Internet sind hierbei nach wie vor ein großes Problem, wie Human Rights Watch herausfand. Auch gibt es keine unabhängigen Frauenrechtsorganisationen im Land.

Die Regeln zur männlichen Vormundschaft widersprechen einigen von Katars eigenen Gesetzen, die das Ende der Vormundschaft auf 18 Jahre festlegen. Zudem verletzen diese Regeln die Verfassung und die Verpflichtungen des Landes gemäß internationaler Menschenrechtsnormen. Sie erschweren Katar auch die Verwirklichung seiner Nationalen Vision 2030, welche die langfristigen Ziele des Landes festlegt, darunter eine diversifizierte arbeitende Bevölkerung mit Karrieremöglichkeiten für katarische Frauen.

„Durch die Umsetzung der Regeln zur männlichen Vormundschaft lässt Katar die Frauen im Stich und fällt hinter seine Nachbarländer zurück, obwohl es einst in einigen Aspekten Vorreiter war“, sagte Begum. „Katar sollte alle Regeln, die Frauen diskriminieren, aufheben, diese Änderungen öffentlich machen, ein Antidiskriminierungsgesetz verabschieden und sicherstellen, dass Frauen die Möglichkeit haben, ihre Rechte einzufordern.“

Einzelne Schilderungen aus dem Bericht

„Nawal“, eine 32-jährige Katarerin, berichtete, dass sie, eine katarische Staatsbürgerin, beim staatlichen Heiratskommitee beantragt hatte, einen Ausländer nach katarischem Recht zu heiraten. Ihr Bruder weigerte sich jedoch als ihr Vormund, hierfür seine Erlaubnis zu erteilen. „Ich brauchte sein schriftliches Einverständnis und seine Unterschrift. Er fühlte sich irgendwie mächtig und weigerte sich“, sagte sie. „Wir hatten Streit miteinander, und er sagte: ‚Ich werde dir nicht helfen.‘“

Um Qahtan, eine 44-jährige Frau aus Katar, sagte, dass ihr Mann ihr gedroht hatte, ihre vier Kinder daran zu hindern, mit ihr zu reisen, und die Kinder von internationalen Schulen auf staatliche Schulen versetzen zu lassen, sollte sie sich von ihm trennen. Sie sagte, nachdem sie ihn verlassen hatte, „hat er beides getan“.

In einer Anhörung im Februar 2021 sagte sie, dass ein Richter ihren Antrag, ihren Sohn an eine andere Schule versetzen zu lassen, ablehnte. Seine Begründung war, dass er sich nicht in das „gottgegebene Recht des Vaters einmischen könne, zu entscheiden, wo sein Kind zur Schule geht.“

Sanaa“, eine 31-jährige Frau aus Katar, sagte: „Um ein Stipendium für ein Auslandsstudium zu bekommen, brauchst du die Erlaubnis deines Vormunds ... Sogar an der Universität von Katar brauchst du als Lehrassistentin die Erlaubnis deines Vormunds, die besagt, dass er nichts dagegen hat, dass du ins Ausland gehst und dein Studium dort weiterführst.“

Nayla“, eine 24-jährige katarische Lehrerin, beschrieb einen Teil ihres Einstellungsprozess im Jahr 2019 so: „Ich musste den Ausweis meines Vaters besorgen und eine Einverständniserklärung, dass er nichts dagegen hat, dass ich diesen Job annehme und dort arbeite… für das Bildungsministerium.“

Muna“, eine 32-jährige Frau aus Katar, sagte, dass die Behörden sie 2020 am Flughafen aufhielten und sagten: „Es gibt neue interne staatliche Vorschriften.“ Sie sagte, sie habe sich zunächst geweigert, die Nummer ihres Vaters anzugeben und argumentierte: „Was Sie tun, ist illegal, laut Gesetz darf ich reisen, wenn ich über 25 bin. Aber sie sagten, es sei im besten Interesse der inneren Staatssicherheit von Katar und im besten Interesse der Familien von Katar ... Dann gab ich ihnen die Nummer und hoffte, dass mein Vater wach ist, es war Mitternacht, und er ist 67... Wir sind Bürgerinnen dieses Landes und haben das Recht zu wissen, aufgrund welcher Gesetze man uns aufhält.”

Dana“, eine 20-jährige Frau aus Katar, sagte, sie war gezwungen zu lügen, als sie 18 Jahre alt war. Sie gab an, mit ihrem Freund verheiratet zu sein und hinterließ seinen Namen und seine Nummer, da sie nur so eine dringende medizinische Versorgung erhalten konnte, obwohl es nicht um sexuelle Aktivitäten ging. „Einmal hat mich ein Notarzt für einen Ultraschall in die Frauenklinik überwiesen“, sagte sie. „Ich hatte so starke Schmerzen, dass er dachte, mein Eierstock sei geplatzt. Aber ohne Trauschein wollten sie bei mir keinen vaginalen Ultraschall machen. Sie weigerten sich sogar, mich regulär zu untersuchen, weil ich nicht verheiratet war.“

„Nadine“, eine 33-jährige Britin mit Wohnsitz in Katar, sagte, dass sie seit ihrem 13. Lebensjahr an Endometriose leidet, diese aber in Katar erst ein paar Jahre nach ihrer Heirat diagnostiziert wurde. Sie gab an, dass das Gesundheitspersonal ihr nicht erlaubt hätte, sich ohne Heiratsurkunde bestimmten Untersuchungen zu unterziehen, wie etwa einem vaginalen Ultraschall, einem Pap-Test oder einer Gebärmutter-Biopsie. Sie sagte: „Man leidet im Stillen. Ich hatte furchtbare Schmerzen.“

„Katar ist die Hölle“

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Dortmunder Fans sind vor einiger Zeit in Kontakt gekommen mit einem jungen Kenianer namens Kennedy. Er hat eine Weile als Arbeitsmigrant in Katar verbracht, weil er sich, wie viele andere, von Versprechungen hat dorthin locken lassen. Seine Erfahrungen in Katar schildert er in einem eindrucksvollen Interview. Über Unterkünfte beispielsweise sagt er: „Die Verhältnisse dort waren schlimm. Wir lebten mit mehreren Menschen in einem viel zu kleinen Zimmer, welche verschmutzt, verschimmelt, undicht und voll mit Kakerlaken und Ratten war.“ Ihm wurde der Lohn vorenthalten, er wurde, weil er die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen wollte, massiv bedroht. Nur mit Mut und Glück gelang es ihm, außer Landes zu kommen. Sein Fazit: „Dieses Land verdient es nicht, ein internationales Turnier austragen zu dürfen.“

Das Interview erschien zunächst im Fanzine „Tacheles!“ von The Unity und wurde später auch auf „schwatzgelb“ veröffentlicht:

 

https://www.schwatzgelb.de/.../eua-senf/katar-ist-die-hoelle

Journalisten und Qatar 2022

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In der Zeitschrift "Sportjournalist" berichtet Christoph Ruf über den Blick seiner Journalisten-Kollegen auf das Turnier 2022. Fazit: "Ein Turnier wie jedes andere kann es für den Sportjournalismus nicht sein." Ausführlich lässt der Autor auch unsere Initiative BocottQatar zu Wort kommen.

Lest den Text nach in diesem pdf

Grossbaustelle menschenrechte

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Katar möchte sich durch den Sport ein gutes Image geben, doch die Arbeitsbedingungen sind immer noch katastrophal. Während der öffentliche Druck auf den kommenden WM-Ausrichter steigt, halten Klubs wie der FC Bayern an ihren Kooperationen mit dem Golfstaat fest. Von einer Veranstaltung in Berlin, in der darüber informiert und diskutiert wurde, berichtete Nicole Selmer im Fußballmagazin „ballesterer“ (Nr. 150). Freundlicherweise hat sie uns angeboten, den Beitrag auf unsere Homepage zu stellen.

„HAND AUF, MUND ZU?“

„Arbeiterrechte sind Menschenrechte“, sagt der junge Mann auf dem Podium, er sagt es auf Englisch, es ist einer der Sätze an diesem Abend Mitte Janner, der den meisten Applaus erhalt. Die Rechte, um die es ihm geht, sind jene der südasiatischen Arbeiter auf den Baustellen der arabischen Halbinsel. Die Veranstaltung im Berliner Lokal Baiz ist sehr gut besucht, obwohl der Termin erst wenige Tage vorher angekündigt worden ist. Rund 80 Menschen drängen sich im Hinterzimmer, nicht für alle gibt es Sitzplätze.
„Hand auf, Mund zu? Katar, Menschenrechte und der FC Bayern“ lautet der Titel der Veranstaltung am Vorabend des Bundesliga-Spiels zwischen Hertha BSC und dem FC Bayern. Es ist die erste Runde im Jahr 2020, die Bayern sind vor einer Woche aus dem Trainingslager zurückgekehrt, das wie jeden Winter seit 2011 in Katar stattgefunden hat. Und wie jeden Winter seit 2011 protestieren auch heuer die Fans dagegen – mit Spruchbändern im Stadion und mit dieser Veranstaltung.
Die Fangruppe „Club Nr. 12“ aus München hat den Abend gemeinsam mit dem Berliner Verein Gesellschaftsspiele organisiert. Im Fokus stehen die zwei Gäste aus Nepal, Milan und Prasad, die eigentlich anders heißen. Vor einigen Tagen waren sie bereits bei einer Diskussion in München, die Reise wird von der Rosa-Luxemburg-Stiftung finanziert. Die beiden sind Aktivisten von Shramik Sanjal, einer 2018 gegründeten Interessensvertretung nepalesischer Arbeiter in den Golfstaaten. Sie wollen aufklaren, sagen sie dem ballesterer. Am Golf und in Europa. „Viele Arbeiter kennen ihre Rechte nicht“, sagt Prasad. Die Einschätzung wird durch Recherchen des norwegischen Fußballmagazins Josimar von 2018 bestätigt. Die Redakteure haben mit Arbeitern am Flughafen von Doha gesprochen und festgestellt, dass diese oft weder über die zulässige Wochenarbeitszeit und den Mindestlohn informiert sind noch über ihr Recht auf eine jährliche Heimreise.

SOFTE SKLAVEREI

Wie alle Länder der Region ist Katar massiv auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Nur etwa zehn Prozent der rund 2,5 Millionen Menschen, die dort leben, haben einen katarischen Pass. Wer als Ausländer in Katar arbeitet, tut dies im Kafala-System. Ein Katari bürgt für die Arbeitnehmer, er ist für ihre Anreise und Unterkunft verantwortlich, sie sind von ihm abhängig und dürfen ohne seine Einwilligung weder den Job wechseln noch das Land verlassen. Moderne Sklaverei nennen das Gewerkschaften. Die katarische Regierung hat immer wieder angekündigt, das Kafala-System zu beenden. Im Herbst 2019 wurden Gesetzes Änderungen beschlossen, um eine selbstbestimmte Ausreise und einen Jobwechsel zu ermöglichen und regelmäßige Bezahlungen zu garantieren.
Doch Skepsis ist geboten. Das ist die wichtigste Botschaft bei der Diskussion in Berlin: Ja, es gibt Verbesserungen, aber nur für wenige. „Die Situation der meisten
Arbeiter ist noch genauso schlecht wie früher“, sagt Milan. Zustimmung kommt von Human Rights Watch. Die Menschenrechtsorganisation weist Mitte Februar in einer Aussendung auf ausbleibende Löhne bei WM-Bauprojekten hin. „Die Verantwortlichen scheinen mehr daran interessiert, ihre kleinen Reformen medial auszuschlachten als sie auch tatsachlich umzusetzen“, sagt Michael Page, Nahost-Direktor von Human Rights Watch.

„Bei einem Lohn von 300 bis 400 Euro im Monat habe ich zuerst die Schulden abarbeiten müssen, bevor ich überhaupt etwas verdient habe.“

Prasad, Shramik Sanjal

Das Kafala-System existiert nicht nur in Katar, sondern auch in Bahrain, dem Libanon, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien. Doch dort findet 2022 keine Fußball-WM statt. Mit der Vergabe des Turniers an Katar ist das Land ins Rampenlicht gerückt – in mehrfacher Hinsicht. Die WM ist ein Baustein der katarischen Soft-Power-Politik, sich über Investitionen in Sport, Wissenschaft und Kultur einen Platz auf der Landkarte zu sichern. Das sei, schreibt James Dorsey, Experte für Sport im Nahen Osten, die zentrale Sicherheitsstrategie, mit der sich Katar vor dem mächtigen Nachbar Saudi-Arabien schützt. „Sie fußt auf dem Wissen, dass das Land sich niemals militärisch verteidigen konnte. Der Sport dient dazu, Katar so in der internationalen Gemeinschaft zu verankern, dass die Welt in Zeiten der Not zu Hilfe eilen wurde.“ Wenige Tage nach der WM-Vergabe im Dezember 2010 wurde die Qatar Foundation Trikotsponsor des FC Barcelona. Im Janner 2011 reiste der FC Bayern erstmals zum Trainingslager in die Aspire Academy, in der Katar Talente für sein Nationalteam sichtet. Im Mai 2011 erwarb Qatar Sports Investments die Mehrheitsanteile von Paris Saint-Germain. In Katar fanden Radrennen, Tennis- und Golfturniere, die Handball-WM 2015 und die Leichtathletik- WM 2019 statt.

SCHULDENFALLE

Durch die internationale Aufmerksamkeit geriet auch in den Blick, wer den Preis für den Sportboom in Katar zahlt. Die Arbeitsbedingungen insbesondere auf den WM-Baustellen wurden von NGOs und Gewerkschaften kritisiert, zahlreiche Medienberichte widmen sich dem Thema. Bei der Veranstaltung in Berlin berichtet Milan über seine Erfahrungen. Er hat in Saudi-Arabien gearbeitet und ist häufiger in Katar gewesen. „Ich habe viele Vorurteile gegenüber nepalesischen Arbeitern erlebt – dass sie dreckig und gefährlich seien.“ Die Organisation Shramik Sanjal, zu Deutsch Arbeiternetzwerk, habe derzeit 500 Mitglieder, die sich vor allem unter Schwerarbeitern rekrutieren. Der Austausch funktioniert über Chats und Videotelefonie über verschiedene Länder hinweg. Die größten Probleme seien die schlechte Gesundheitsversorgung, ausbleibende Lohne und Schulden. Was der letzte Punkt bedeutet, erklärt Prasad. Er hat in Nepals Hauptstadt Kathmandu studiert und dort gearbeitet, bevor er nach Katar abgeworben wurde. „Für die Vermittlung und die Reise sollte ich 1.500 Dollar zahlen“, sagt er. „Bei einem Lohn von 300 bis 400 Euro im Monat habe ich zuerst die Schulden abarbeiten müssen, bevor ich überhaupt etwas verdient habe.“
Der Fußball habe großen Einfluss in Katar, betont ein weiterer Podiumsgast an diesem Abend, Nicolas McGeehan. Er hat sich für Human Rights Watch mit den Arbeitsbedingungen in der Golfregion beschäftigt und setzt auf öffentlichen Druck. „In Doha ist der FC Bayern sehr präsent“, sagt er. „Negative Presse beunruhigt die Kataris und den Verein.“ Kritik der Medien gibt es ebenso wie Proteste von den Fans seit dem ersten Trainingslager der Bayern in Katar. Lange stellte sich die
Klubführung auf den Standpunkt, dort nun einmal gute Trainingsbedingungen vorzufinden und vor Ort kritische Gespräche zu führen. 2016 schloss der Verein einen Sponsoringvertrag mit dem Flughafen von Doha. Vor Abschluss des Deals hatte der Klub die Expertise von Human Rights Watch eingeholt, McGeehan war einer der zuständigen Mitarbeiter. Die NGO warnte vor einem Imageschaden und riet dazu, im Fall einer Kooperation eine Verbesserung der arbeitsrechtlichen Bedingungen im Land zu fordern. Zu solch klaren Worten konnte sich der FC Bayern jedoch nicht durchringen. „Teil der Kooperation ist es, dass wir gemeinsam soziale Projekte und den Dialog über gesellschaftspolitisch kritische Themen fordern werden“, sagte Karl-Heinz Rummenigge. Bayerns Vorstandsvorsitzender hatte drei Jahre zuvor für wenig imageförderliche Schlagzeilen gesorgt, als er unverzollt Rolex-Uhren aus Katar ausgeführt hatte. Es waren Geschenke.

STUMME BAYERN

Der schärfsten Kritik war der FC Bayern 2015 ausgesetzt, als das Team im Janner ein Testspiel im Nachbarland Saudi-Arabien absolvierte. Man sei hier, um für die Leute zu spielen, sagte Trainer Pep Guardiola damals. Davon, dass saudischen Frauen Stadionbesuche verboten und kurz zuvor ein Regierungskritiker öffentlich ausgepeitscht worden war, sprach er nicht. Der Ausflug war ein Fehler, wie der Verein im Nachhinein erkannte. Und er ist korrigiert worden.
Zur Bekanntgabe der Partnerschaft mit dem Flughafen flogen 2016 nicht nur Rummenigge und Franck Ribery nach Doha, als Botschafterin für Gesellschaftspolitik war Lena Lotzen vom Frauenteam dabei. Die Anwesenheit der Teamspielerin markierte einen Wendepunkt in der Öffentlichkeitsarbeit der Bayern. Im Janner 2018 reisten nicht nur die Männer in die Aspire Academy, sondern auch die Frauen. Heuer waren die Spielerinnen zum dritten Mal in Katar, der Klub berichtete ausführlich über ihre Aktivitäten auf und neben dem Platz: Es standen Besuche in Museen und einer Mädchenschule, ein Training mit Spielerinnen aus Doha sowie Treffen mit UN-Vertretern auf dem Programm. „Hand in Hand: Fußball und Gleichberechtigung“, wie es auf der Klubwebsite heißt. Für seine gesellschaftspolitische Verantwortung hat der FC Bayern eine Inhouse-Lösung gefunden. Die Männer absolvieren ihr Trainingslager, ohne sich öffentlich mit den Rechten von Arbeitern und Frauen in Katar beschäftigen zu müssen.
Wie es anders gehen könnte, skizziert Nicolas McGeehan. „Ihr habt mit den Arbeitern gesprochen, sie gefragt, ob sie den Mindestlohn verdienen“, sagte er im Interview mit den Josimar-Journalisten. „Warum hat das niemand von den Bayern gemacht? Sie fliegen seit Jahren zum Flughafen in Doha, warum reden sie nicht einfach mit den Leuten dort, fragen nach ihren Löhnen und Unterkünften und den wöchentlichen Arbeitszeiten. Ist das so schwierig?“
Milan und Prasad sind nicht nach Deutschland gekommen, weil sie für einen WM-Boykott werben oder sich gegen die Trainingslager der Bayern aussprechen wollen. „Wir treffen Fans, Journalisten und Politiker und informieren sie“, sagt Prasad. „Ihre Solidarität ist wichtig, damit die Regierung in Katar Druck spürt.“ Die Reise der nepalesischen Aktivisten nach Deutschland wäre eine weitere Gelegenheit für die Bayern-Funktionäre gewesen, ins Gespräch zu kommen – nicht mit Vertretern des WM-Organisationskomitees oder der katarischen Regierung, sondern mit einer Interessensvertretung der Arbeiter. Der Klub lehnte eine Teilnahme an den öffentlichen Veranstaltungen ebenso ab wie ein Gespräch hinter verschlossenen Türen.

Copyright: Nicole Selmer/ballesterer

Korruption in der fifa

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Wer mal einen knappen, aber zuverlässigen Überblick will über den Bestechungssumpf rund um die FIFA erhalten will, wird bei der entsprechenden Seite von Wikipedia bestens bedient.

boykott-Aktionen gegen sportliche grossereignisse

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Olympia 1936:

Kleinere Boykottbewegungen in Skandinavien und Großbritannien sowie große Bewegung in USA aufgrund der antisemitischen Rassegesetze im Deutschen Reich. In den USA erzielt eine Petition gegen die Teilnahme eine halbe Million Unterschriften. Ach die American Athletic Union spricht sich für einen Boykott der Spiele aus. Avery Brundage, Vorsitzender des US-NOK (später wird er IOC-Präsident), selber Antisemit, kann sich bei Abstimmung im NOK durchsetzen, nachdem Deutschland die Teilnahme zweier „Halbjuden“ zugesagt hatte.

 

Olympia 1948:

Taiwan boykottiert die Spiele wegen der Teilnahme der VR China (dito 1976 und 1980).

 

WM 1958: 

Arabische und andere muslimisch geprägte Staaten in Asien weigern sich, in der WM-Qualifikation gegen Israel anzutreten. Israel ist damit ohne ein einziges Spiel für das Turnier in Schweden qualifiziert, doch verordnet die FIFA noch ein Quali-Spiel gegen Wales, das Israel verliert.

Der arabische Sportboykott gegen Israel führt dazu, dass die FIFA das Land vor den Turnieren 1954, 1962, 1966 und 1970 unterschiedlichsten, teils recht abstrusen Qualifikationsgruppen zuordnet. Als 1970 der asiatische Verband Israel definitiv von seinen Wettbewerben ausschließt, kommen die israelischen Fußballer in der UEFA unter.

 

WM 1966:

Unter den 16 Endrundenplätzen hat die FIFA 10 für Europa und 5 für Süd- bzw. Mittelamerika reserviert. Die gemeldeten Verbände aus Afrika, Asien und Ozeanien müssen um den einzigen verbliebenen Platz kämpfen. Nach ergebnislosen Nachverhandlungen mit der FIFA erklären alle 15 afrikanischen Länder ihren Rückzug aus der Qualifikation (ausgenommen Südafrika, das wegen der Apartheidpolitik von der FIFA suspendiert wird). So kämpfen am Ende nur Nordkorea und Australien um die Teilnahme.

 

Olympia 1968:

Afrikanische Staaten drohen mit Boykott, falls der Apartheid-Staat Südafrika teilnehmen darf (er wurde dann nicht eingeladen).

Olympic Project for Human Rights ruft wegen der Diskriminierung Schwarzer in den USA zum Boykott der Spiele auf.

Studenten im Austragungsland Mexiko wehren sich gegen Korruption und Repression und mobilisieren gegen die Spiele: „Wir wollen keine Olympischen Spiele, wir wollen eine Revolution.“ Polizei geht brutal gegen Studenten-Demo vor, vermutlich 250 werden erschossen bei einer Kundgebung auf dem Unigelände einige Tage vor Beginn der Spiele. Tausende werden anschließend eingesperrt und gefoltert. Für das IOC ist das kein Thema.

 

WM 1974:

Die UdSSR muss in der Qualifikation gegen Chile antreten, wo ein blutiger Militärputsch die gewählte Regierung Allende gestürzt hat. Austragungsort des Spiels in Chile soll das Nationalstadion sein, in dem Regierungsgegner gefangen gehalten und gefoltert worden waren. Die UdSSR-Fußballer weigern sich, dort anzutreten und werden von der FIFA disqualifiziert (bzw. das Spiel wird 2:0 für Chile gewertet).

 

Olympia 1976:

33 afrikanische Staaten boykottieren die Spiele, nachdem sich das IOC geweigert hat, Neuseeland auszuladen. Anlass sind das Fortbestehen der Sportbeziehungen zwischen Neuseeland und Südafrika sowie vor allem eine Tournee der Rugby-Nationalmannschat All Blacks durch den Apartheid-Staat, obwohl dieser zu diesem Zeitpunkt brutal gegen Apartheid-Gegner im eigenen Land vorgeht.

 

WM 1978:

Im Austragungsland Argentinien selbst sowie in zahlreichen (meist europäischen) Ländern kommt es zu Protestbewegungen gegen die brutale Militärdiktatur. Motto: „Fußball ja, Folter nein!“ Der niederländische Verband erwägt einen Boykott.

 

Olympia 1980:

USA und 65 weitere Staaten, darunter die Bundesrepublik Deutschland, boykottieren die Spiele in Moskau. Anlass dafür ist die Invasion sowjetischer Truppen ab Dezember 1979 im von Bürgerkrieg erschütterten Afghanistan. Der Bürgerkrieg wurde damit allerdings nicht beendet, sondern angefacht, stärkte die Islamisten und kostete eine Million Tote.

 

Olympia 1984:

Die Sowjetunion und 12 weitere Staaten, darunter die DDR, boykottieren die Spiele in Los Angeles. Vorangegangen waren der Abschuss einer südkoreanischen Passagiermaschine im sowjetischen Luftraum und darauf folgend die Aktivitäten konservativer Aktivisten in Kalifornien mit dem Ziel, sowjetische Athleten von internationalen Sportereignissen auszuschließen und stattdessen zur Flucht zu ermuntern.

 

Olympia 2000:

Im Austragungsland Australien breite Protestbewegung gegen die Spiele, insbesondere initiiert von Teilen der Aborigines. Die globalisierungskritische „Anti-Olympic Alliance“ umfasst linke Gruppen und das Rote Kreuz oder die Heilsarmee gleichermaßen. Während der Spiele versanden die Proteste.

 

Olympia 2010:

Breite Proteste gegen die Winterspiele in der Austragungsregion Vancouver. Anlass sind die Diskriminierung der Natives, die Weigerung des IOC, ein Frauen-Skispringen durchzuführen, sowie die ausufernden Kosten der Veranstaltung. Die „No Games 2010 Coalition“ errichtet Zeltstädte und betreibt einen Piratensender.

„Bekenntnis der fifa zu den menschenrechten“

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(Offizielle Erklärung vom Mai 2017)

 

1. 

Die FIFA bekennt sich zur Einhaltung der Menschenrechte gemäss den Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen. 

 

2. 

Zum Bekenntnis der FIFA zählen alle international anerkannten Menschenrechte, einschliesslich der Rechte, die in der Internationalen Charta der Menschenrechte (bestehend aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, dem Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte sowie dem Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte) und der Erklärung der Internationalen Arbeitsorganisation über die grundlegenden Prinzipien und Rechte bei der Arbeit verankert sind. Bei möglichen negativen Auswirkungen auf die Menschenrechte von Angehörigen bestimmter Gruppen oder Bevölkerungsteile, die besondere Aufmerksamkeit erfordern, berücksichtigt die FIFA auch andere internationale Standards und Grundsätze, die die Rechte dieser Personen ausführen, ein-schliesslich insbesondere der Standards, die indigene Völker, Frauen, nationale, ethnische, religiöse und sprachliche Minderheiten, Kinder, Menschen mit Behinderung, Arbeitsmigranten und ihre Familien sowie Menschenrechtsaktivisten betreffen. Wenn sich ihre Tätigkeiten auf Gebiete mit bewaffneten Konflikten ausdehnen, befolgt sie auch die Standards des humanitären Völkerrechts. 

 

3. 

Getreu den UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte ergreift die FIFA auf der Grundlage tiefgehender Sorgfaltsprüfungen Massnahmen, um im Rahmen ihrer Tätigkeiten weder negative Auswirkungen auf die Menschenrechte zu verursachen noch zu solchen beizutragen und etwaige Auswirkungen zu bekämpfen und zu korrigieren. Die FIFA ist zudem bestrebt, negative Auswirkungen auf die Menschenrechte, die über ihre Geschäfts-beziehungen einen direkten Bezug zu ihren Tätigkeiten, Produkten oder Dienstleistungen haben, zu vermeiden oder einzudämmen, selbst wenn sie nicht zu diesen Auswirkungen beigetragen hat. In Übereinstimmung mit den UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte macht die FIFA, wann immer es im Zusammenhang mit negativen Auswirkungen auf die Menschen-rechte aufgrund ihrer Geschäftsbeziehungen nötig ist, ihren Einfluss geltend und versucht, diesen noch stärker zur Geltung zu bringen. Zu diesem Zweck prüft und nutzt die FIFA alle Optionen, die ihr bei diesen Beziehungen zur Verfügung stehen. 

 

4.

Die FIFA ist bestrebt, über ihre Pflicht zur Einhaltung der Menschenrechte gemäss UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte hinauszuge­hen, indem sie Massnahmen ergreift, um die Menschenrechte zu schützen und deren Achtung positiv zu beeinflussen, insbesondere wenn sie ihren Einfluss geltend machen kann, um die Achtung der Menschenrechte zu verbessern, oder es die Förderung der Menschenrechte im oder durch den Fussball betrifft. 

 

5. 

Angesichts der Besonderheit ihrer Tätigkeiten entstehen negative Auswirkun­gen auf die Menschenrechte wahrscheinlich in erster Linie über die Beziehun­gen der FIFA mit anderen Unternehmen. Zu den grössten Menschenrechtsrisiken der FIFA gehören u. a.: 

Arbeitnehmerrechte: Die FIFA-Tätigkeiten sind personalintensiv. Die FIFA beschäftigt direkt mehrere hundert Personen. Ein Bezug zu Arbeitskräften besteht ferner über die Beziehungen der FIFA zu anderen Unternehmen und durch entsprechende Lieferketten, z. B. beim Bau von Stadien und Infrastruktur, bei der Bereitstellung von Unterkünften, Getränken und Verpflegung oder bei der Herstellung von Lizenzprodukten. Die FIFA ist bestrebt, höchste internationale Arbeitsstandards einzuhalten und zu fördern, insbesondere die Grundsätze, die in den acht Hauptkonventionen der Internationalen Arbeitsorganisation festgeschrieben sind. Sie hält sich in Bezug auf ihre eigenen Angestellten an entsprechende Verfahren und setzt sich dafür ein, dass Arbeitsstandards von ihren Geschäftspartnern und in direkt mit ihren Tätigkeiten verbundenen Bereichen, einschliesslich Lieferketten, eingehalten werden. 

Erwerb von Grundstücken und Wohnrechte: Der Bau von Infrastruktur für FIFA-Wettbewerbe sowie von Infrastruktur, die Mitgliedsverbände mit FIFA-Mitteln finanzieren, umfasst oft den Erwerb von Grundstücken. Auch wenn die Zuständigkeit dafür in erster Linie bei der Regierung des Landes liegt, in dem der jeweilige Wettbewerb stattfindet oder der für das Projekt zuständige Mitgliedsverband seinen Sitz hat, erwartet und fördert die FIFA die Einhaltung internationaler Menschenrechtsstandards, wenn der Grundstückserwerb Enteignungen und insbesondere die Umsiedlung von Menschen vorsieht. 

Diskriminierung: Diskriminierung ist im Fussball auf und neben dem Platz ein Problem. Die FIFA ist bestrebt, innerhalb der Organisation und bei all ihren Tätigkeiten ein diskriminierungsfreies Umfeld zu schaffen. Mit wirksamen Kontroll- und Vollzugsmechanismen bekämpft sie jede Form von Diskriminierung nach Massgabe von Art. 4 der FIFA-Statuten, wonach jegliche Diskriminierung eines Landes, einer Einzelperson oder von Perso­nengruppen aufgrund von Hautfarbe, ethnischer, nationaler oder sozialer Herkunft, Geschlecht, Behinderung, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand, sexueller Orientierung oder aus einem anderen Grund verboten ist. Die FIFA achtet zudem besonders auf geschlechtsspezifische Ungleichbehandlungen, um diese zu bekämpfen, fördert die Gleichstellung von Frau und Mann und beugt allen Formen von Belästigung, einschliesslich sexueller Belästigung, vor. 

Sicherheit: Der Schutz von Personen, die an FIFA-Veranstaltungen teil­nehmen oder anderweitig daran beteiligt oder davon betroffen sind, kann bestimmte Grundrechte, wie das Recht auf Freizügigkeit, auf freie Meinungsäusserung oder auf Versammlungsfreiheit, tangieren. Die FIFA verpflichtet sich, zur Minderung solcher Auswirkungen mit den zustän­digen staatlichen und privaten Stellen im Gastgeberland zusammenzuar­beiten, um zu gewährleisten, dass die Auswirkungen wirklich nötig und verhältnismässig sind, und auf gerechtfertigte Sicherheitsbedenken einzu­gehen. Die FIFA ist bestrebt, ihren Einfluss bei den zuständigen Behörden zu nutzen, damit alle öffentlichen und privaten Stellen, die für FIFA-Veran-staltungen Sicherheitsleistungen erbringen, so geschult werden, dass sie ihre Aufgaben gemäss internationalen Sicherheits- und Menschenrechtss­tandards erledigen können. Die FIFA integriert diese Standards zudem in ihre Beziehungen zu privaten Sicherheitsunternehmen, die Teil ihrer Liefer­kette sind. 

Spielerrechte: Die oft kurze Karriere eines Profifussballers kann eine Gefahr für die Menschenrechte der Spieler, insbesondere hinsichtlich ihrer Beschäf­tigung und ihres Transfers, darstellen. Dies betrifft u. a. die rechtzeitige Zahlung von Gehältern, Doping und Spielmanipulation. Der grosse Traum von einer Profikarriere und finanzielle Verlockungen können ebenfalls negative Auswirkungen auf die Menschenrechte begünstigen, insbeson­dere bezüglich Handel und anderer Missstände im Zusammenhang mit Minderjährigen. Die FIFA verpflichtet sich, zum Schutz der Rechte von Fussballern beizutragen, überprüft die bestehenden Reglemente und Ver­fahren laufend und erwägt gegebenenfalls zusätzliche Massnahmen, um den entsprechenden Risiken zu begegnen. 

 

6. 

Die FIFA verankert ihr Bekenntnis zur Einhaltung der Menschenrechte nach Massgabe des nachfolgenden Menschenrechtsmodells innerhalb der Organisa­tion und nimmt fortlaufend Sorgfaltsprüfungen vor, um das Risiko einer Betei­ligung an negativen Auswirkungen auf die Menschenrechte zu erkennen, zu bekämpfen, zu beurteilen und zu melden. Die FIFA verpflichtet sich, bei nega­tiven Auswirkungen auf die Menschenrechte, die sie verursacht hat oder zu denen sie beigetragen hat, Wiedergutmachung zu leisten oder auf eine solche hinzuwirken sowie den Betroffenen Zugang zu Wiedergutmachung zu ver­schaffen, wenn sie über ihre Beziehungen zu Dritten anderweitig mit negati­ven Auswirkungen auf die Menschenrechte im Zusammenhang steht, und prüft zu diesem Zweck alle Optionen, die ihr zur Verfügung stehen. 

 

7. 

Wenn nationale und internationale Gesetze, Vorschriften und Menschen­rechtsstandards voneinander abweichen oder sich widersprechen, befolgt die FIFA unter Einhaltung nationaler Gesetze und Vorschriften den höheren Stan­dard. Wenn nationale Risiken die Möglichkeiten der FIFA, die Einhaltung inter­national anerkannter Menschenrechte zu garantieren, einschränken, arbeitet die FIFA konstruktiv mit den zuständigen Behörden und anderen Interessen­gruppen zusammen und unternimmt alles, um ihre internationalen Menschen­rechtspflichten weiterhin einzuhalten. 

Sklavenarbeit WM 2022