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„Die FIFA muss an die Leine gelegt werden“

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Interview mit Glenn Jäger: Über den Wahhabismus als Staatsreligion, Katars Engagement im internationalen Fußball und eine Reform der FIFA

 

Glenn Jäger veröffentlichte 2018 im PapyRossa-Verlag das Buch „In den Sand gesetzt. Katar, die FIFA und die Fußball-WM 2022" (312 S., 16,90 Euro). Jäger ist im Verlagswesen und in der Erwachsenbildung tätig. Aktiver Fußballer in der Betriebssport-Liga Bonn. Wirkte zuletzt mit an dem Buch „Eine ehrenwerte Familie. Die Microphone Mafia – mehr als nur Musik“. Ist überzeugt, dass Adanademirspor in den nächsten Jahren doch noch aufsteigen wird. 

 

Du hast dich intensiv mit der politischen Situation in Katar befasst. Es handelt sich um ein Emirat, das dem wahhabitischen Islam folgt. Kannst du kurz die Wesensmerkmale dieser religiösen Richtung benennen?

Kurz vorweg: Zwischen Marokko und dem Irak haben wir es mit einer fußballverrückten Region zu tun. Dass die arabische Welt mal mit einer WM dran ist, war an der Zeit. Und ob diese in einem muslimisch, christlich oder anders geprägten Land stattfindet, sollte keine Rolle spielen. Doch zu den engsten Verbündeten des Westens, in dessen Fahrwasser sich die FIFA bewegt, gehören jene Golfstaaten, in denen (religions-)politisch die rigidesten Bedingungen vorherrschen, vor allem in Saudi-Arabien. Mit dem dortigen Königshaus ist der Wahhabismus untrennbar verbunden. Abd al-Wahhab begründete im 18. Jahrhundert eine Lehre, bei er es keine Abweichungen, keine Vielfalt mehr geben durfte. Im Schulterschluss mit dem Stammesführer Ibn Saud fanden Glaube und Schwert zusammen, große Teile des heutigen Saudi-Arabien wurden durch das saudisch-wahhabitische Bündnis ebenso erobert wie das heutige Doha. Zum Kern der Lehre, an der sich auch Al Qaida oder der „IS“ orientieren, gehörte stets eine antischiitische Stoßrichtung, die sich heute vor allem gegen die Iran richtet. 

In Katar ist die Sache indes komplexer. Dort gilt der Wahhabismus zwar auch als Staatsreligion, wird aber moderater ausgelegt. So finden sich Angehörige der schiitischen Minderheit im öffentlichen Dienst, es gibt christliche Gemeinden, und jüdischen Menschen wird nicht gleich die Einreise verweigert. Das macht Katar noch lange nicht zu einem säkularen Land, zumal man seit den 1960er/70er Jahren die „Muslimbrüder“ fördert, insbesondere in Person von Scheich Yusuf al-Qaradawi, der großen Einfluss auf Bildung und Medien erhielt. Bis heute unterstützt Katar die „Brüder“ vor allem auf internationaler Bühne, anstatt, wie Saudi-Arabien, die Salafisten, zu denen auch die Wahhabiten gehören. Im Zuge der Blockade, die Saudi-Arabien mit anderen Staaten 2017 gegen Katar verhängte, verlangte das Nachbarland, die 2011 eröffnete staatliche Al-Wahhab-Moschee umzubenennen, deren Namen Katar nicht mehr gerecht würde.

 

Was bedeutet dies für die Frage der Demokratie und der Menschenrechte in Katar?

Das Herrscherhaus Al-Thani bestimmt traditionell die politische Ordnung, die gemeinhin als absolute Monarchie bezeichnet wird. Dass dort mitnichten jene demokratischen Rechte bzw. Menschenrechte verankert sind, auf die sich nicht zuletzt die FIFA erklärtermaßen beruft, liegt auf der Hand. Angemahnt werden oft die Gleichstellung zwischen Mann und Frau oder die Religionsfreiheit. Wollte man die Verfasstheit des Landes an dem „Bekenntnis der FIFA zu Menschenrechten“ messen, würde man noch weiter fündig. Die offizielle Erklärung des Fußball-Weltverbandes von 2017 richtet sich schließlich gegen „jegliche Diskriminierung … aufgrund von Hautfarbe, ethnischer, nationaler oder sozialer Herkunft, Geschlecht, Behinderung, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand, sexueller Orientierung oder aus einem anderen Grund“. Zwar hält sich auf Seiten der Einheimischen eine etwaige Unzufriedenheit mit dem System in Grenzen. Schließlich hat die katarische Bevölkerung das weltweit höchste Pro-Kopf-Einkommen – und übrigens den zweithöchsten CO2-Ausstoß. Doch insbesondere mit Blick auf soziale Menschenrechte ist die gesamte Bevölkerung des Landes in den Blick zu nehmen, also auch die Rechte jener Wanderarbeiter, die rund 90 Prozent der ca. drei Millionen Einwohner ausmachen. Seit 2013 wurde über hunderte von Todesfällen auf Baustellen berichtet. Zunehmend gab es – teilweise mit Erfolg – Druck von Menschenrechtsgruppen und Gewerkschaftsverbänden, letztere benannten auch westliche Unternehmen, die von den Bedingungen profitieren. Das Emirat musste reagieren: Je näher die WM rückt, desto weniger kann man sich negative Schlagzeilen erlauben. Insofern gab es immer mal wieder leichte Verbesserungen, auch wenn es um Arbeitsbedingungen und Löhne weiterhin schlecht bestellt blieb. Am weitesten ging eine Arbeitsrechtsreform von August 2020, die gemeinsam mit der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ausgearbeitet und vom Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB) begrüßt wurde. Auch wenn damit ein Mindestlohn und die freie Arbeitsplatzwahl zugesagt werden, so bleiben die realen Bedingungen genau zu beobachten. 

Noch einmal zurück zu den Frauenrechten, an denen sich auch Widersprüchlichkeit der Verhältnisse zeigt: In Bildung und Beruf sind Frauen sehr präsent sind. Seit den 2000er Jahren lag der Anteil von weiblichen Studierenden teilweise bei über 70 Prozent. Die weibliche Erwerbsquote liegt über dem weltweiten Durchschnitt. Weniger rühmlich ist die Gesetzgebung etwa in Bezug auf „außerehelichen Geschlechtsverkehr“, was auch im Falle von Vergewaltigungen Folgen haben kann. Um Haus und Herd kümmern sich meist Arbeitsmigrantinnen, über deren Situation wenig bekannt ist.

 

Wären von den Einschränkungen auch Besucher/innen der WM-Turniers betroffen?

Wohl kaum, Katar und die FIFA wollen sich der Welt bestens präsentieren. Anders als ein Menschenrecht auf sauberes Wasser ist mir eines auf Alkohol zwar nicht bekannt. Aber man wird Lösungen finden, wie Fußball und Bierkonsum einhergehen können. Mir reicht dafür ein Heimspiel des FC oder die dritte Halbzeit in der Betriebssportliga. Was sexuelle Freiheiten anbelangt, so müsste sich zeigen, ob die Gesetze während des Turniers strenger ausgelegt werden als etwa im US-Bundesstaat Utah, wo zu den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City ebenfalls auf ein strenges Verbot von Homosexualität hingewiesen wurde. Als Nacktflitzer wäre man aber wohl ein Fall für die Behörden.

 

Katar wird die Unterstützung islamistischer Gruppen im Ausland, auch von Terrorgruppen, vorgeworfen. Siehst du dafür seriöse Anhaltspunkte?

Zunächst: Militärisch ist Katar gut vernetzt, so beherbergt man die größte US-Basis in der Region, die Drehscheibe für die Kriege gegen Afghanistan und den Irak war. Über Waffenlieferungen an Katar, auch aus Deutschland, wurde oft berichtet. Die Unterstützung dschihadistischer Gruppen räumten sie selber ein. So wurde Libyen 2011 von NATO-Einheiten aus der Luft bombardiert, Katar entsandte sechs Kampfflugzeuge. Am Boden operierten dschihadistische Truppen, die Hinrichtung Gaddafis ist noch präsent. Noch 2011 zitierte der „Guardian“ den katarischen Generalmajor Hamad bin Ali al-Atiya: „Wir waren unter ihnen, und die Anzahl von Kataris im Land belief sich auf Hunderte in jeder Region. Training und Kommunikation lagen in den Händen von Katarern. Katar … überwachte die Pläne der Rebellen … Wir agierten als die Verbindung zwischen den Rebellen und den NATO-Truppen.“ Medial wurde das vom katarischen Sender „Al Dschasira“ flankiert, bis hin zu dem Aufruf von Scheich al-Qaradawi, „Gaddafi zu erreichen und ihm eine Kugel zu verpassen“. 

Auch in Syrien setzte man auf dschihadistische Banden. 2017 räumte der ehemalige Ministerpräsident, Hamad bin Jassim bin Jaber Al Thani, ein: Katar, Saudi-Arabien, die Türkei und die USA hätten bewaffnete „Gruppen in Syrien ‚vom ersten Tag an‘ mit Geld und Waffen unterstützt … Saudi-Arabien habe Katar aufgefordert, die Führung zu übernehmen.“ So sehr man auch Öl ins Feuer goss, so ist auch anzumerken: Am Krieg gegen den Jemen beteiligt sich Katar nicht mehr. Und auch die aggressive Politik Saudi-Arabiens und anderer Staaten gegenüber dem Iran tragen sie nicht mit.

 

Katar engagiert sich stark im internationalen Fußball. Bekannteste Beispiele sind Paris St. Germain, Barca und der FC Bayern. Über die Aspire Academy wird eine intensive Talentförderung betrieben. Was verspricht sich Katar von diesem Engagement?

In Zeiten, in den Städte und Länder immer mehr nach dem Vorbild von Unternehmen regiert werden, erscheint dieses „Investment“ als lukrative PR-Strategie. Zudem dient es, mit der WM als Highlight, als sogenannte Soft-Power-Politik und vielfältiger Türöffner. Als im September 2018 in Berlin auf Einladung der Kanzlerin und des Emirs ein milliardenschwerer deutsch-katarischer Investorengipfel stattfand, war nicht nur die Führung etwa von VW oder Siemens mit dabei, sondern auch ein Karl-Heinz Rummenigge. Zudem bezeichnet etwa der Politikwissenschaftler Danyel Reiche das Engagement samt der WM sicherheitspolitisch als „strategische Meisterleistung“, die sich angesichts der Blockade am Golf als „eine Art Lebensversicherung“ auszahle. Um nicht länger als Fußballzwerg dazustehen, brauchte es die Talentförderung durch die Aspire Academy. Über eine Außenstelle im Senegal etwa betrieb man ab Ende der 2000er Jahre ein gigantisches Scouting in afrikanischen Ländern. Unter Nationaltrainer Félix Sánchez, ehemals FC Barcelona, gewann man 2019 die Asienmeisterschaft. Auffällig ist: Bei den genannten Vereinen setzte die Kooperation zeitlich rund um die WM-Vergabe ein. Der FC Bayern hält seit Anfang 2011 sein Wintertraining am Golf, Paris St. German wurde übernommen, mit Barça schloss man einen Trikotvertrag. Übrigens: Man muss kein Bayern-Fan sein, aber Respekt gegenüber der Südkurve, wie sie gegenüber der Vereinsführung auftreten.

 

Wie erklärst du dir die Entscheidung der FIFA, die WM 2022 in Katar auszutragen – mal abgesehen von der Vermutung, dass Korruption im Spiel war?

Die Vergabe der WM war nicht allein Sache der letztlich 22 FIFA-Delegierten. In meinem Buch zeige ich vielfältige Verbindungen der FIFA zu Kreisen aus Wirtschaft und Politik auf, deren Interessen Gewicht hatten. Frappierend erscheint der Einfluss der Taktgeber Deutschland und Frankreich, die sich Großaufträge für den Bau von Stadien und Infrastruktur versprachen. Der damalige französische Präsident Sarkozy arrangierte kurz vor der WM-Vergabe ein Treffen im Élysée-Palast. Mit dabei: ein Vertreter Katars und der FIFA-Delegierte Michel Platini. 2011 wurde Sohnemann Laurent Platini zum Europa-Chef von Qatar Sports Investment. Im März 2010 reiste der spätere Bundespräsident Christian Wulff zusammen mit der Führung von VW und Porsche ins Emirat. Im Mai bestaunte Kanzlerin Merkel in Katar „beeindruckende Projekte“, an denen die „deutsche Wirtschaft natürlich Anteil haben“ wolle. Im September bekannte Wulff im Schloss Bellevue vor dem Emir und deutschen Wirtschaftsvertretern, man habe Interesse am „Zugang zu den katarischen Gasvorkommen“ und könne „an der weiteren Modernisierung“ des Landes mitwirken. Der damalige Vorstandschef des Baukonzerns Hochtief, Herbert Lütkestratkötter, tagte mit Angela Merkel und der katarischen Führung. Bei anderen Ländern kam es rund um die WM-Vergabe zu Geschäften wie etwa einem „Gas-Deal“ mit Thailand. Auffallend auch: Freundschaftsspiele mit ungewöhnlich hohen Gagen. Wenige Wochen vor der WM-Vergabe kam es in Doha zu der Begegnung Argentinien – Brasilien. Die Argentinier gewannen 1:0.

 

Im Resümee deines Buches machst du den Vorschlag, die FIFA der UNO zu unterstellen. Was könnte das bewirken? Und gibt es überhaupt eine Chance, dass Infantino und Co. dabei mitspielen würden?

Auch wenn sich die FIFA auf die Menschenrechtserklärung der UNO bezieht: Das ginge ihr zu weit. Allein öffentlicher Druck wäre wirksam. Dazu halte ich den Vorschlag für vermittelbar und zugleich weitgehend. Es geht um dreierlei. Erstens: Um die Entflechtung von FIFA und Sponsoren. Als Unterorganisation der UNO dürfte die FIFA nicht gewinnorientiert arbeiten. Zweitens: Um öffentliche Kontrolle, mit der auch jene Rechte einzufordern wären, auf die sich die FIFA gerne beruft; einzustellen wären etwa abenteuerliche Netzwerke und Absprachen wie auch die Steuerfreiheit, die vom Gastland verlangt wird. Drittens: Um die Entkopplung von Fußball und Krieg. Wer sich mit einer Fußball-WM auf Völkerverständigung beruft, muss eine Vorbildfunktion haben. Eine Beteiligung an völkerrechtswidrigen Kriegen passt dazu nicht. Hier stünde nicht nur Katar schlecht da. Mittelfristig muss es um ein internationales Fußballfest gehen, das nicht von Vermarktungsinteressen bestimmt ist. Es geht um viel. Mithin um die Frage, wem das Spiel gehört, ja darum, es „zurückzuholen“. Das geht nur, indem die FIFA an die Leine gelegt wird.